Artikel 13 der UN-Kinderrechtskonvention:
Kinder und Jugendliche haben das Recht, ihre Gedanken und Meinungen durch Worte, Texte, Zeichnungen usw. frei auszudrücken und sich zu informieren.   


Immer wieder klagen Jugendliche darüber, dass „ihnen keiner zuhört“ oder sie nicht wissen, mit wem sie sich aussprechen können. Selbst mit den engagiertesten und wohlmeinendsten Eltern kann und will man als Jugendliche/r, z.B. in der Pubertät, nicht über all das reden, was einen gerade in dieser Umbruchphase beschäftigt. Und auch gegenüber Freund/innen oder Bekannten geniert oder schämt man sich manchmal.

young+direct, die Jugendberatungsstelle des Südtiroler Jugendrings, bietet per Telefon, E-Mail, Internet, Brief oder Vor-Ort-Beratung Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit sich mit einer neutralen Person zu unterhalten oder sich zu informieren.
Wir sprachen mit Dr. Michael Reiner, dem Leiter von young+direct.

 

 

Hallo Michael! Danke dass du dir Zeit für ein kurzes Gespräch nimmst.
Wir feiern dieses Jahr ja das 20. Bestehen der UN-Kinderrechtskonvention und befassen uns daher derzeit mit einigen der darin formulierten Kinder- und Jugendrechten.
Unter anderem wird allen Minderjährigen in Artikel 13 die Gedanken- und Meinungsfreiheit sowie das freie Informationsrecht zugesichert.
Eigentlich könnte man meinen, dass Jugendliche in unserer Gesellschaft sagen können was sie beschäftigt und sich frei informieren können. Etwas ketzerisch gefragt: Braucht es da überhaupt anonyme Beratungs- und Informationsangebote wie young+direct?

Es wäre natürlich schon, wenn es überhaupt keine Beratungsstellen brauchen würde. Die Realität sieht aber etwas anders aus, was auch die Zahlen unserer Kontakte bestätigen. Jugendliche haben oft Schwierigkeiten mit Erwachsenen über bestimmte Dinge zu reden oder sich zu informieren. Und dies bezieht sich keineswegs nur auf intime Themen wie Sexualität. Und gerade deshalb hat die Beratungsstelle einen entscheidenden Vorteil: Wir arbeiten anonym und kostenlos. Besonders die Anonymität ermöglicht es vielen Jugendlichen sich zu öffnen.
Bei uns können sich Jugendliche informieren oder „ausweinen“, je nach Frage oder Problem und erhalten eine professionelle und rasche Beratung. Sie haben die Möglichkeit uns per e-mail oder Jugendtelefon zu kontaktieren oder können auch persönlich zu einem Gespräch vorbeikommen

Das klingt einleuchtend. Wie viele Jugendliche nutzen denn euer Angebot? Und wie verteilen sich die Anfragen? Wisst ihr z.B. wie viele Jungen und wie viele Mädchen euch kontaktieren?

Im letzten Jahr wandten sich Jugendliche aus alle Bezirken des Landes 3292 Mal mit einem Anliegen an die Beratungsstelle. Wie schon seit Jahren kommen knapp 70 % der Anfragen von Mädchen und 30 % von Jungen. Zu erwähnen ist vielleicht auch noch, wie sich die Anfragen auf die verschiedenen „Angebote“ von Young+Direct verteilen. Über 60% der Anfragen erreichen uns per e-mail, 30% per Jugendtelefon und die restlichen 10% sind persönliche Beratungsgespräche

Das klingt nach einer Menge Arbeit, wie viele Mitarbeiter/innen habt ihr denn?

Zur Zeit sind wir fünf Mitarbeiter/innen, wobei wir aufgrund der Teilzeitarbeit einiger Mitarbeiterinnen insgesamt auf knapp 4 Vollzeitstellen kommen. Wir haben 3 ausgebildete Pädagoginnen mit Zusatzausbildung in systemischer Psychotherapie und einem männlichen Psychologen. Und da wäre noch ich, ebenfalls Psychologe und Leiter der Beratungsstelle.

Und was sind dabei die häufigsten Themen?
Die häufigsten Themen im letzten Jahr waren Fragen zu Partnerschaft und Liebe mit 32%, Sexualität mit 28% und persönliche Themen/Probleme mit 24%. Die restlichen Anfragen verteilten sich auf Themen wie Familien- und Lebenssituation, Clique/Freundeskreis, Schule und Ausbildung, Sucht und Gewalt.  

Kannst Du mal ein Beispiel für einen typischen Beratungsverlauf nennen? Wie geht so eine Beratung praktisch vor sich. Wenn ich euch z.B. über den Kummerkasten auf www.young-direct.it schreibe, was passiert dann?

Also in der Regel verläuft das so. Auf die Anfrage bzw .e-mail antwortet ein/e MitarbeiterIn innerhalb 1-2 Tagen. Es gibt natürlich Momente, wo es sich zeitlich nicht so schnell ausgeht, aber normalerweise erhalten die Jugendlichen rasch eine Antwort. Je nach Frage, kann es sein, dass der Kontakt nach 1-2 e-mails von den Jugendlichen beendet wird, da sie alle Informationen erhalten haben, die sie benötigten (Infos zur Verhütung, zur ersten gynäkologischen Visite....) .
Aber es kann natürlich auch sein, dass die Jugendlichen einen längerfristigen Kontakt zu den Beratern aufbauen. Häufig dann, wenn das Problem, das sie beschäftigt und belastet, sehr komplex ist, und sich nicht mit 2-3 e-mails beseitigen lässt.
Wir stehen den Jugendlichen beratend zu Seite, sie können alles mit uns bereden und sich an unserer Schulter „ausweinen“ sollte dies nötig sein.

Und wenn ihr mal nicht weiter helfen könnt? Gebt ihr den Fall dann an andere weiter?

Natürlich kann es sein, dass bei manchen Fragen oder Problemen, die Berater von Young+Direct den Jugendlichen nur bis zu einem bestimmten Punkt begleiten können. Dann geben wir auch schon Fälle an andere Dienststellen weiter (z.B. wenn jemand eine Psychotherapie braucht).  
In jedem Fall arbeiten wir aber immer mit den Jugendlichen zusammen, achten die Anonymität und sprechen jeden Schritt mit den Jugendlichen ab.
 
Wie wird es denn mit der Beratungsstelle weiter gehen? Gibt es Zukunftsvisionen?

Unsere Mittel sind zwar etwas begrenzt, trotzdem möchten wir  für die Zukunft den Jugendlichen nweitere, neue Möglichkeiten schaffen, sich beraten bzw. austauschen zu können. So  werden wir für die nächste Jahre versuchen ein Projekt ins Leben zu rufen, bei denen freiwillige und speziell ausgebildete Jugendliche, eine Telefonlinie betreuen, wo sie Gleichaltrigen als Gesprächspartner dienen. Hierbei handelt es sich nicht um eine Beratungshotline, sondern um eine Möglichkeit, sich mit Gleichaltrigen austauschen zu können.
Zudem möchten wir in den nächsten Jahren, mit Hilfe von top ausgebildeten Freiwilligen die Erreichbarkeit unseres Jugendtelefones so zu erweitern, dass Jugendliche gerade am Wochenende jemanden zum Reden haben.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

 

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Das Gespräch führte Andreas Eylert (SJR)